Galeria wieder insolvent: Irgendwann reicht es – und wieder zahlen die Beschäftigten den Preis

Es gibt Nachrichten, bei denen man kurz innehält. Und es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob versehentlich eine alte Meldung wieder nach oben gespült wurde.
Galeria ist erneut insolvent. Zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren.
2009. 2020. 2022. 2024. 2026.
Und wer – so wie ich – schon zu Karstadt-Zeiten dabei war, weiß: Die Geschichte begann noch viel früher. 2009 rutschte der damalige Mutterkonzern Arcandor in die Insolvenz. Betroffen war ausdrücklich auch die Karstadt Warenhaus GmbH. Für viele Beschäftigte ist die heutige Nachricht deshalb nicht die vierte, sondern gefühlt die fünfte Runde derselben bitteren Geschichte.
Das ist keine Sanierungsgeschichte mehr. Das ist eine Serie, bei der selbst Netflix irgendwann gesagt hätte: Die Handlung wiederholt sich zu oft.
Beim Amtsgericht Düsseldorf wurde erneut ein Insolvenzantrag gestellt. Die 83 verbliebenen Filialen sollen zunächst geöffnet bleiben. Rund 12.000 Beschäftigte wissen trotzdem wieder nicht, wie sicher ihr Arbeitsplatz tatsächlich ist. Und genau dort hört für mich jeder billige Witz auf.
Mehr als zehn Jahre Karstadt – und viele Erinnerungen
Ich war selbst etwas mehr als zehn Jahre bei Karstadt angestellt. Und trotz allem, was später kam, sage ich das ganz ehrlich: Es war eine tolle Zeit.
Ich denke an Kolleginnen und Kollegen, an gemeinsame Schichten, an den Trubel vor Weihnachten, an stressige Samstage und an diese besonderen Momente, die nur Menschen verstehen, die einmal im Warenhaus gearbeitet haben. Hinter den Verkaufsflächen, Rolltreppen und Aktionsständen steckte ein eigenes kleines Universum. Wir waren nicht einfach irgendwelche Personalnummern. Wir waren ein Team.
Ich habe dort auch die Arcandor-/Karstadt-Insolvenz von 2009 und die Angst davor erlebt. Deshalb ist „Insolvenz“ für mich kein trockenes Wort aus einer Wirtschaftsmeldung. Es ist das ungute Gefühl im Bauch, wenn Gerüchte durch die Abteilungen wandern. Es ist die Frage, ob das Gehalt kommt. Es ist der Blick auf den Dienstplan und die Sorge, ob man in ein paar Wochen überhaupt noch einen Arbeitsplatz hat.
Es ist das Gespräch zu Hause, bei dem man versucht, ruhig zu klingen, obwohl man selbst keine Antworten hat.
Genau deshalb tun mir die heutigen Galeria-Beschäftigten so leid. Ich kenne dieses Gefühl. Und ich wünsche es niemandem.
Wie oft kann man einen „Neuanfang“ eigentlich neu anfangen?
Nach jeder Insolvenz kamen die bekannten Worte: Neuausrichtung, tragfähiges Konzept, moderne Warenhäuser, bessere Kostenstruktur, Zukunftsfähigkeit.
Diesmal heißt es sinngemäß wieder, das Verfahren solle die Lage ordnen, das Unternehmen stabilisieren und eine nachhaltige Zukunft ermöglichen.
Entschuldigung, aber irgendwann ist selbst der geduldigste Mensch allergisch gegen Sanierungsdeutsch.
Wie oft soll die Belegschaft noch glauben, dass jetzt wirklich alles anders wird? Wie oft sollen Lieferanten, Vermieter, Gläubiger und am Ende auch die Allgemeinheit noch akzeptieren, dass man mit einem neuen Konzept, einem neuen Logo oder einer neuen Vorstandspräsentation angeblich kurz vor der großen Wende steht?
Vier Galeria-Insolvenzen in sechs Jahren sind keine Pechsträhne. Und zusammen mit der Karstadt-/Arcandor-Insolvenz von 2009 wird daraus eine Leidensgeschichte, die einen großen Teil meines Berufslebens und das Leben vieler ehemaliger Kolleginnen und Kollegen begleitet hat. Das ist kein bedauerlicher Ausrutscher mehr. Es ist ein Systemfehler.
Das tote Pferd bekommt wieder einen neuen Sattel
Für mich fühlt sich das inzwischen an, als würde man ein totes Pferd durchs Dorf treiben und bei jeder Runde behaupten, diesmal habe man endlich den richtigen Sattel gefunden.
Das Pferd läuft nicht besser, nur weil auf der PowerPoint-Folie „Transformation“ steht.
Karstadt und Kaufhof hatten einmal eine Bedeutung, die weit über das Einkaufen hinausging. Sie gehörten zu den Innenstädten. Man traf dort Menschen, kaufte Geschenke, aß etwas im Restaurant und ging mit Dingen nach Hause, die man ursprünglich gar nicht gesucht hatte. Diese Erinnerungen sind echt. Aber Erinnerungen allein bezahlen keine Rechnungen und ersetzen kein funktionierendes Geschäftsmodell.
Tradition darf kein Vorwand sein, um denselben Niedergang immer wieder neu zu verwalten.
Oben wird erklärt, unten wird gezittert
Was mich besonders wütend macht: Die Folgen treffen fast immer diejenigen, die die großen Entscheidungen nicht getroffen haben.
Die Verkäuferin, die seit Jahrzehnten im Haus arbeitet. Der Mitarbeiter im Lager. Die Menschen an der Kasse, in der Verwaltung, in der Dekoration und im Kundenservice. Sie haben keine Immobiliengeschäfte eingefädelt, keine Konzernstrategien entworfen und keine Hochglanzversprechen präsentiert. Trotzdem sind es ihre Arbeitsplätze und ihre Familien, die bei jeder neuen Insolvenz wieder zur Verhandlungsmasse werden.
Vorstände, Eigentümer und Berater wechseln. Die Beschäftigten bleiben – solange man sie noch lässt.
Ja, ich habe inzwischen auch das bittere Gefühl, dass sich manche Verantwortliche in den oberen Etagen rechtzeitig abgesichert oder sehr gut verdient haben, während unten gespart, verzichtet und gebangt wurde. Persönliche Bereicherung kann und will ich ohne Belege niemandem als Tatsache unterstellen. Aber dass nach vier Insolvenzen gründlich gefragt werden muss, wer welche Verantwortung getragen, welche Vergütung erhalten und welche Entscheidungen getroffen hat, ist keine Bosheit. Es ist das Mindeste.
Wer jahrelang „Neuanfang“ sagt, muss irgendwann auch erklären, warum wir schon wieder am selben Punkt stehen.
Mein Sarkasmus ist eigentlich nur Traurigkeit mit Helm
Man könnte jetzt Witze darüber machen, dass Galeria offenbar ein Insolvenz-Abo abgeschlossen hat: Seit 2020 alle zwei Jahre eine neue Staffel, inklusive Filialschließungen, Durchhalteparolen und sorgenvoller Gesichter. Wer die Karstadt-Insolvenz von 2009 schon erlebt hat, kennt allerdings sogar die Pilotfolge dieser traurigen Serie.
Aber hinter dem Sarkasmus steckt vor allem Traurigkeit.
Traurigkeit darüber, was aus Karstadt und Kaufhof geworden ist. Wut darüber, dass man den Niedergang offenbar über Jahre begleiten, aber nicht stoppen konnte. Und große Sorge um die rund 12.000 Menschen, die nun wieder morgens zur Arbeit gehen und nicht wissen, was die nächsten Wochen bringen.
Sie verdienen mehr als Durchhalteparolen. Sie verdienen Klarheit, Respekt und ehrliche Antworten. Vor allem verdienen sie Verantwortliche, die nicht nur eine weitere Runde Zeit kaufen, sondern entweder ein belastbares Konzept vorlegen oder endlich den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen.
Irgendwann muss Schluss sein
So weh mir das als ehemaligem Karstadt-Mitarbeiter tut: Ich glaube, langsam reicht es.
Nicht mit den Beschäftigten. Nicht mit den Erinnerungen. Nicht mit der Idee, dass gute Warenhäuser ihren Platz in lebendigen Innenstädten haben können.
Aber mit diesem endlosen Weiter-so aus Insolvenz, Neustart, großen Versprechen und der nächsten Insolvenz.
Ein Unternehmen kann nicht dauerhaft von seiner Vergangenheit leben. Und eine Belegschaft darf nicht alle zwei Jahre wieder den Preis für Entscheidungen bezahlen, die an anderer Stelle getroffen wurden.
Vielleicht gibt es noch eine echte Zukunft für Teile von Galeria. Ich würde sie den Beschäftigten von Herzen wünschen. Aber dann braucht es diesmal mehr als schöne Worte. Es braucht Transparenz, Verantwortung, realistische Standorte und ein Konzept, das im echten Leben funktioniert – nicht nur im Sitzungssaal.
Denn ein totes Pferd wird nicht lebendig, wenn man ihm zum vierten Mal „Zukunft“ auf die Decke stickt.
Wie seht ihr das?
Sollte Galeria noch einmal gerettet und neu aufgestellt werden? Oder ist nach vier Galeria-Insolvenzen seit 2020 und der Karstadt-/Arcandor-Insolvenz von 2009 der Punkt erreicht, an dem man ehrlich sagen muss: So kann es nicht weitergehen?
Habt ihr selbst bei Karstadt, Kaufhof oder Galeria gearbeitet? Musstet ihr ebenfalls eine Insolvenz miterleben? Schreibt eure Meinung und eure Erfahrungen in die Kommentare. Bitte bleibt dabei fair gegenüber den Beschäftigten – sie sind nicht das Problem, sondern diejenigen, die schon wieder mit den Folgen leben müssen.
Faktenbasis
- Tagesschau: Galeria taumelt in die vierte Insolvenz
- Tagesschau: Die Geschichte eines Niedergangs – einschließlich der Karstadt-Insolvenz 2009
- WDR: Chronologie des Galeria-Niedergangs
- Deutsche Finanzagentur: Bericht zum Wirtschaftsstabilisierungsfonds
Dieser Beitrag ist ein persönlicher Kommentar. Wertungen und zugespitzte Formulierungen geben meine eigene Meinung und Erfahrung als ehemaliger Karstadt-Mitarbeiter wieder.
Schreibe einen Kommentar